Arzneimittelvereinbarung: Das ist neu in 2020

02.06.2020 |

Die Bremer Krankenkassen und die KV Bremen haben die „Vereinbarung zur Sicherstellung der Arzneimittelversorgung im Jahr 2020“ abgeschlossen. Welche Neuregelungen und Veränderungen gibt es?

Ausgabenvolumen

Um die Einhaltung des Ausgabenvolumens zu gewährleisten, verständigen sich KVHB und Krankenkassen über „Maßnahmen zur Zielerreichung“. Dazu gehören die im §3 formulierten allgemeinen Hinweise zur wirtschaftlichen Verordnungsweise:

  • die Empfehlung, Generika bzw. Biosimilars zu verordnen sowie den aut idem-Austausch zuzulassen
  • die Beachtung der Verordnungsausschlüsse und Verordnungseinschränkungen der Arzneimittelrichtlinie
  • die Berücksichtigung der Ergebnisse der „frühen Nutzenbewertung“ von neu zugelassenen Arzneimitteln
  • die Aufforderung, grundsätzlich die in Anlage 1 der Vereinbarung aufgeführten Leitsubstanzen zu verordnen.

Verordnungsempfehlungen

In der Anlage 1 zur Arzneimittelvereinbarung werden konkrete, wirkstoffbezogene Verordnungsempfehlungen gegeben. Die Anlage enthält:

  • Empfehlungen zur Verordnung von Leitsubstanzen
  • Mindestquoten für die Verordnung von Biosimilars und Generika
  • Qualitative und quantitative Ziele zur wirtschaftlichen Verordnung weiterer Arzneimittelgruppen.

Leitsubstanzen

Als Leitsubstanzen wurden diejenigen Wirkstoffe innerhalb einer Wirkstoffgruppe festgelegt, die aus pharmakologischer Sicht Mittel der ersten Wahl sind und in der Regel kostengünstig generisch verordnet werden können.

Im Jahr 2020 wurden die „Selektiven Betablocker“ und die „Selektiven Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren“ aus der Anlage 1 gestrichen, da es nur noch geringe Kostendifferenzen zwischen den einzelnen Wirkstoffen dieser Wirkstoffgruppen gibt.

Biosimilar-Verordnungsquoten

Biosimilar-Verordnungsquoten werden vereinbart, sobald der Patentschutz für ein „Biological“ abgelaufen ist, und kostengünstigere Biosimilar-Präparate zur Verfügung stehen. Im Gegensatz zu preisgünstigen Generika, die in der Apotheke automatisch abgegeben werden, wenn „Aut idem“ zugelassen wurde, müssen Biosimilar-Präparate explizit verordnet werden. Da laut  Arzneimittelvereinbarung „bei Neueinstellungen von Patienten grundsätzlich ein wirtschaftliches Biosimilar zu verordnen ist“, werden die Biosimilar-Verordnungsquoten jährlich überprüft und ggf. angepasst.

Im Jahr 2020 wurden die Biosimilar-Verordnungsquoten von Pegfilgrastim, Trastuzumab und Rituximab auf 60, 65 bzw. 80 Prozent erhöht. Bevacizumab (Avastin®) wurde neu aufgenommen, da für 2020 die Markteinführung von Biosimilar-Präparaten angekündigt ist (z.B. Zirabev® zum 17. Juni 2020).

Informationen zu Merkmalen und Besonderheiten von Biosimilars sowie zur therapeutischen Anwendung und Umstellung auf Biosimilar-Präparate finden Sie im Leitfaden „Biosimilars“ der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ): www.akdae.de

Qualitative und quantitative Ziele

Ebenfalls neu in der Anlage 1 ist der Abschnitt „Qualitative und quantitative Ziele“. Für die Wirkstoffgruppen Protonenpumpenhemmer, Antibiotika, Hyposensibilisierungsmittel sowie zum Thema Multimedikation wurden folgende Vereinbarungen getroffen:

  • Protonenpumpenhemmer (PPI): Die Verordnungsmenge soll um 10 Prozent verringert werden. Hintergrund: In den letzten 15 Jahren war ein sehr starker Anstieg der PPI-Verordnungsmenge zu verzeichnen (im KV-Bereich Bremen von 2006 bis 2016 um 230 Prozent). Seit 2016 sind die Verordnungen zwar leicht rückläufig, bleiben aber auf hohem Niveau. Der Verordnungsanstieg kann „in keiner Weise durch Zunahme typischer Erkrankungen mit gesicherter Indikation für Protonenpumpenhemmer erklärt werden“, urteilt zum Beispiel das arznei-telegramm. Andererseits gibt es vermehrt Belege zu Nebenwirkungen einer PPI-Langzeittherapie. Die Indikation, Dosierung und Therapiedauer der PPI-Präparate sollten deshalb kritisch hinterfragt werden und die Verordnungen gegebenenfalls beendet werden. Das gilt insbesondere für PPI-Verordnungen, die im Krankenhaus begonnen wurden, sowie für Verordnungen zur Therapie leichter Refluxbeschwerden (siehe Landesrundschreiben Januar 2016, Seite 19 (pdf - 1 436 kB)).
  • Antibiotika: Um Resistenzentwicklungen vorzubeugen, sollen alle Antibiotika, insbesondere Reserveantibiotika, „rational“ und zurückhaltend verordnet werden. Informationen zur Verordnung von Antibiotika sind unter anderem der Publikation „Wirkstoff AKTUELL – Rationale Antibiotikatherapie“ der AkdÄ oder den Empfehlungen des Bremer Arzneimittelregisters zu entnehmen, ebenso dem Rote-Hand-Brief zu Fluorchinolonen aus dem letzten Jahr: www.bfarm.de
  • Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie): Bei Neueinstellungen sind grundsätzlich zugelassene Therapieallergene zu wählen. Hintergrund: Bis 2008 konnten Therapieallergene als Individualrezepturen, die nicht zulassungspflichtig sind, in den Verkehr gebracht werden. Mit dem Inkrafttreten der Therapieallergenverordnung sind die Hersteller verpflichtet, eine Zulassung zu beantragen. Dennoch können Therapieallergene, die das Zulassungsverfahren noch nicht durchlaufen haben, theoretisch noch bis spätestens 2026 im Markt verbleiben. Solche Präparate sind häufig für eine optimale Wirkung unterdosiert, siehe Landesrundschreiben September 2018, Seite 21 (pdf - 962 kB)
    Auf der Seite des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) findet man aktuelle Informationen zum Zulassungsstatus der Therapieallerge:
    Subkutan: www.pei.de, Sublingual: www.pei.de
  • Multimedikation: Verordnungen, die dauerhaft fünf oder mehr Wirkstoffe enthalten, sind kritisch zu überprüfen. Die Empfehlungen von Fachgesellschaften sollen beachtet werden. Hintergrund: Verordnungen von fünf oder mehr Wirkstoffen lassen sich bei der Therapie multimorbider Patienten häufig nicht vermeiden. Es soll aber immer wieder geprüft werden, ob der therapeutische Nutzen eines Wirkstoffs größer ist als das mögliche Risiko durch Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen verordneten Wirkstoffen.
    Insbesondere die Verordnung von Wirkstoffen, die den Verordnungseinschränkungen der Arzneimittelrichtlinie – Anlage III unterliegen, soll kritisch hinterfragt werden. Dazu gehören unter anderem Hypnotika, Tranquillantien, Muskelrelaxantien oder Antidementiva, aber auch Lipidsenker. Dazu heißt es in Anlage III: „Ausgenommen bei hohem kardiovaskulärem Risiko (über 20 Prozent Ereignisrate / 10 Jahre auf der Basis der zur Verfügung stehenden Risikokalkulatoren)“.
    Weitere Beispiele für Wirkstoffe, die nicht immer indikationsgerecht eingesetzt werden, sind Protonenpumpenhemmer (siehe oben) oder L-Thyroxin, das in Studien bei älteren Menschen mit leichter subklinischer Hypothyreose keine Verbesserung klinischer Symptome bewirkte (Arzneimittelbrief 2017, 51, 55a). Umfassende Empfehlungen zu diesem Thema gibt zum Beispiel die „Hausärztliche Leitlinie Multimedikation“: www.degam.de

Bremer Arbeitsgruppe Arzneimittel (AG)

Die Informationen zur aktuellen Arzneimittelvereinbarung haben wir zusammen mit der Bremer Arbeitsgruppe Arzneimittel (AG) erarbeitet. An der AG sind Vertreter der KV Bremen, der Krankenkassen, der G.T.EM. Bremen , der Pharmazeutischen Beratungsstelle sowie der Prüfungsstelle Ärzte/Krankenkassen Bremen beteiligt.

 

Arzneimittel-Vereinbarung
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