Chancen und Risiken der ASV: Kalkulieren Sie genau!

08.12.2016 |

Mit der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) schafft der Gesetzgeber einen neuen Sektor – irgendwo zwischen ambulant und stationär. Wer sich mit dem Gedanken trägt, in einem ASV-Team mitzuwirken, sollte genau rechnen. Extrabudgetäre Vergütung hört sich zunächst gut an, doch die Rechnung wird an anderer Stelle gekürzt.

Seit 1. April 2014 gibt es die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV), die es Krankenhäusern und/oder an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzten ermöglicht, hochspezialisierte Leistungen anzubieten und besondere bzw. seltene Erkrankungen in einem interdisziplinären Team ambulant zu behandeln. Die ASVRegelungen haben den in der Vergangenheit vielfach kritisch diskutierten alten Paragrafen 116b im Sozialgesetzbuch V abgelöst, der diese Form der ambulanten Versorgung ausschließlich
den Krankenhäusern vorbehalten hatte.
 
Die hochspezialisierten Leistungen, seltenen Erkrankungen und Erkrankungen mit besonderen Krankheitsverläufen, die Gegenstand der ASV sind, sind in der gesetzlichen Regelung abschließend aufgelistet und werden sukzessive mittels krankheitsbezogener Konkretisierungen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss für die ambulante Versorgung freigeschaltet. Im Rahmen der ASV können aktuell gastroentestinale und gynäkologische Tumore, das Marfan-Syndrom, die pulmonalen Hypertonie und der Tuberkulose behandelt werden. Weitere Erkrankungen werden in absehbarer Zeit hinzukommen; derzeit wird an der Konkretisierung der Mukoviszidose gearbeitet. 
 
Wer an der ASV teilnehmen möchte, muss ein interdisziplinäres Team gründen, das aus am Krankenhaus angestellten Ärzten und/oder an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzten bestehen kann. Da in Krankenhäusern unter Umständen nicht alle Fachgebiete vertreten sind oder es an einer erforderlichen apparativen Ausstattung mangelt, sind die Krankenhäuser zur Bildung eines ASV-Teams teilweise auf die Kooperation mit niedergelassenen Ärzten angewiesen. Einzelne Bremer Krankenhäuser haben Ärzte schon gezielt auf die Bildung einer solchen Kooperation angesprochen.
 
Auf den ersten Blick scheint eine solche Kooperation attraktiv zu sein: Das Krankenhaus kann an der ASV teilnehmen und der kooperierende Arzt bekommt seine vertragsärztlichen Leistungen sogar extrabudgetär vergütet. Doch der erste Anschein trügt. Bei genauerer Betrachtung der Vergütungssystematik stellt sich heraus, dass nicht so viel Geld beim kooperierenden Vertragsarzt ankommt wie gedacht. Das Stichwort lautet Bereinigung.
 
Bereinigung bedeutet, dass die Krankenkassen die Gesamtvergütung in dem Maße reduzieren, wie Leistungen von der vertragsärztlichen Versorgung in die ASV verlagert werden. Das Argument, das ASV-Geld sei extrabudgetär und die vertragsärztliche Vergütung budgetiert, sticht nicht. Denn ein Jahr später gibt es die Quittung. Da die Höhe der Gesamtvergütung (MGV) bestimmt, wieviel Geld für die Budgets der einzelnen Vertragsärzte zur Verfügung steht, führt eine Bereinigung zur Absenkung der Quoten.  Und zwar basiswirksam. Das bedeutet, eine einmal vorgenommen Bereinigung mindert die Gesamtvergütung für alle Zukunft. Der „Schaden“ bleibt und wird in die nächsten Quartale „hineingeschleppt“.
 
Bis hierher wäre es nur ein „linke-Tasche-rechte Tasche-Phänomen“. Zu Bedenken ist jedoch, dass auch alle Leistungen des teilnehmenden Krankenhauses dieser Bereinigung gegen die MGV der Vertragsärzte unterliegen. Der Zugewinn wird also oft kleiner sein, als der Geldabfluss an das Krankenhaus.
 
Bleibt noch die Frage, wie hoch dieser „Schaden“ für den einzelnen Vertragsarzt ist. Der könnte hoffen, dass die Bereinigung über die ganze Fachgruppe sozialisiert wird und damit das persönliche Minus eher klein bleibt. Diese Variante würde dazu führen, dass auch nicht beteiligte Ärzte zur Kasse gebeten werden. Der Gesetzgeber lässt jedoch genauso eine andere Variante zu: Die Bereinigung wird gezielt an die Vertragsärzte weitergegeben, die sie durch ihre Teilnahme an der ASV verursacht haben. Die KV Bremen wird sich mit großer Sicherheit für diesen Weg entscheiden. Die Vertreterversammlung hatte bei ähnlich gelagerten Selektivverträgen mit Bereinigung bereits so entschieden und eine entsprechende Regelung in den Honorarverteilungsmaßstab aufgenommen.