Hokuspokus oder Heilmittel? Ein Streitgespräch über die Homöopathie

13.09.2016 |

Über nichts wird so heftig diskutiert und so unerbittlich gestritten wie über die Homöopathie. Wir haben zwei Meinungsführer gebeten, sich gegenseitig zu interviewen: der Bremer  Gesundheitswissenschaftler Prof. Norbert Schmacke und die homöopathische Ärztin Cornelia Bajic.

Interview Prof. Norbert Schmacke

Prof. Norbert Schmacke lehrt in Bremen Gesundheitswissenschaften. In dem von ihm herausgegebenen Band „Der Glaube an die Globuli“ (Suhrkamp, 14 Euro) kritisiert er die Homöopathie scharf.

Herr Schmacke, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass es „keine ausreichenden Belege für eine über Placeboeffekte und Glaube hinausgehende Wirkung der Homöopathie gibt“. In einer Studie von 2010 schreiben Sie dagegen: „Nach dem derzeitigen Stand der Forschung liegt unter anderem für die Indikationen Heuschnupfen, Durchfall bei Kindern und Atemwegsinfektionen ein  Wirksamkeitsnachweis vor.“ Wie passt das zusammen?

Der zitierte Satz kann Missverständnisse erzeugen, wenn Sie nicht das ganze Kapitel lesen. Wir haben in dieser Studie festgehalten, dass alle qualitativ besseren Studien keine signifikanten Effekte nachweisen konnten. Um aber noch einmal für vollständige Klarheit meiner Position zu sorgen: Die Messe ist gelesen – Homöopathie hat keine spezifischen therapeutischen Effekte. Und genau das fordern alle modernen Gesellschaften von Arzneimitteln der pharmazeutischen Industrie. Bei Homöopathika reicht es aus, dass sie vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte registriert werden. Ich nenne das absurd.

In Ihrem Buch stellen Sie die These auf, Homöopathie sei eine Placebo-Medizin, begründen das aber nicht auf Basis von Studien. Tatsächlich gibt es sechs Meta-Analysen, von denen vier ein positives Ergebnis für die Homöopathie zeigen. Robert Hahn, ein schwedischer Mediziner, kommt zu dem Ergebnis: „Um den Schluss ziehen zu können, dass Homöopathie einer klinischen Wirkung entbehrt, müssten 90 Prozent der vorhandenen klinischen Studien außer Acht gelassen werden.“ Woraus leiten Sie die Evidenz für
Ihre Placebo-These ab?

Sie können es noch so häufig behaupten: Diese positiven Studien gibt es nicht. Eine wirklich unverdächtige Wissenschaftlerin, nämlich Claudia Witt, die den Stiftungslehrstuhl für Komplementärmedizin an der Charité innehatte, sagt: „Es konnte nicht gezeigt werden, dass homöopathische Arzneimittel besser wirken als Placebo.“ Im dem von mir herausgegebenen Buch habe ich große internationale Übersichtsarbeiten wiedergegeben, die alle zu demselben vernichtenden Ergebnis gekommen sind. Wenn es jenseits von Placebo bei Homöopathika noch Effekte gibt, dann solche durch therapeutisch unwirksame, aber potenziell gefährliche Inhalte in den sogenannten Niedrigpotenzen, zum Beispiel Schwermetalle.

Sie wollen die Gleichstellung der Homöopathie mit der konventionellen Medizin abschaffen, weil jene den Maßstäben der Evidenzbasierten Medizin (EbM) nicht genüge. Aber auch viele Therapien der konventionellen Medizin sind durch Daten der EbM nicht ausreichend belegt – etwa die Mehrzahl der Eingriffe in der Chirurgie. Möchten Sie die auch abschaffen?

Ich möchte die gesetzliche Privilegierung der Homöopathie beendet wissen, darum geht es. Wenn diese nämlich so gut wäre, wie Sie und andere behaupten, dann könnte sie ja die Überprüfungen durch das Institut für Qualität und Wissenschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) überleben. Zum Glück wird in den entwickelten Industrienationen von den Gesetzgebern verlangt, dass neue Behandlungsverfahren durch hochwertige Studien geprüft sein müssen. Hier gibt es tatsächlich noch Nachholbedarf. Zum Beispiel in den operativen Fächern. Aber ehrlich gesagt: Ich fühle mich in der Hand von erfahrenen Chirurgen ganz gut.

Homöopathie hilft laut verschiedener Studien (zum Beispiel Chand/Fisher 2014), die Verabreichung von Antibiotika zu senken. Wie bewerten Sie das vor dem Hintergrund des rasanten Anstiegs von antibiotika-resistenten Keimen?

Sorry, aber das ist nicht ernsthaft belegt. Richtig ist, dass die Indikation für das Verschreiben von Antibiotika deutlich strenger gefasst werden sollte und dass der massenhafte Einsatz in der Landwirtschaft unverantwortlich ist. Aber man muss auch sagen, dass Antibiotika aus historischer Perspektive ein wahrer Segen sind. Von solchen Behandlungserfolgen kann die Homöopathie nur träumen.

Homöopathie erfreut sich großer Beliebtheit in der Bevölkerung, insbesondere bei den Gebildeten. Im „Gesundheitsmonitor 2014“ der Bertelsmann-Stiftung nannten Patienten als häufigstes Motiv für eine homöopathische Behandlung, „dass anderswo keine Besserung erzielt worden war“. Bei mehr als 80 Prozent von ihnen besserten sich durch Homöopathie körperliche Beschwerden und die seelische Verfassung. Wie erklären Sie dem Bürger, dass Sie seine Wahlfreiheit bei offenkundig effektiven Methoden einschränken wollen?

Die Bertelsmann-Untersuchung hat gezeigt, wie häufig Homöopathie in Anspruch genommen wird. Eine Therapiestudie war das nicht – Sie müssen vorsichtig sein mit Bewertungen wie „offenkundig effektiv“. Meine Schlussfolgerung aus der Beliebtheit der Homöopathie ist: Ärzte müssen sich wieder stärker um die Perspektive ihrer Patienten kümmern, besser zuhören und gerade bei chronischen Erkrankungen über Therapiemöglichkeiten und -grenzen aufklären. Wenn Menschen zu Homöopathen gehen, ist das ihr gutes Recht. Sie sollten nur fair über den Forschungsstand informiert werden.

Sie sind auch Stellvertreter des „Unparteiischen Vorsitzenden“ des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), der entscheidet, welche Leistungen von den Krankenkassen übernommen werden. Wie bringen Sie Ihre unparteiische Rolle mit Ihrem Buch in Einklang?

Wenn der Gesetzgeber die Sonderregelungen für die Homöopathie aufheben würde, müssten Homöopathika künftig vom IQWiG so bewertet werden wie die Präparate der

Pharmaindustrie. Dann würde sich rasch zeigen, was ich Ihres Erachtens ausgeblendet habe. Sollte es je zu Homöopathie-Debatten im G-BA kommen und ich müsste abstimmen, würde ich mich vielleicht sogar für befangen erklären.

Das Interview führte Cornelia Baijc | Remscheid

 

 

Interview Cornelia Baijc

Cornelia Bajic ist Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Sie arbeitet als homöopathische Ärztin, Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin in Remscheid.

Frau Bajic, verstehen Sie Homöopathie als Ergänzung oder als echte Alternative? Bei einem der meistzitierten Homöopathen, Georgos Vithoulkas, habe ich gelesen: „Eine homöopathische Behandlung der Bevölkerung im großen Stil könnte die meisten heute in Krankenhäusern dahinvegetierenden Patienten dauerhaft heilen“, sie könnte „erbliche Belastungen kommender Generationen vermindern, Kinder überhaupt vitaler machen, ja selbst alten Menschen noch Lebensenergie erhalten“. Vithoulkas behauptet, betagte Menschen glichen heute „oft lebenden Leichnamen“. Bekommen Sie dabei nicht auch Gänsehaut?

Ja, da bekomme ich in der Tat eine Gänsehaut, allerdings wahrscheinlich anders motiviert als die Ihre. Was ist verkehrt an dem Ziel, für seine Patienten „eine bis ins hohe Alter aktive, erfüllte Existenz“ anzustreben? Auch die WHO definiert: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Der „Gesundheitsmonitor 2014“ der Bertelsmann-Stiftung belegt, dass unter ärztlicher Homöopathie sich bei mehr als 80 Prozent der Patienten die körperlichen Beschwerden und die seelische Verfassung besserten. Da sind wir dann wieder bei Vithoulkas, der nichts anderes sagt, als dass zu einem gesunden Menschen ein Wohlbefinden auf allen Ebenen gehört. Und um dieses Ziel zu erreichen, wenden wir homöopathischen Ärzte die Homöopathie komplementär, alternativ oder auch gar nicht an – je nach individueller Symptomatik und den Bedürfnissen des Patienten.

Nicht nur der Schweizer Arzt Dr. Jens Wurster behauptet, er habe von der Medizin aufgegebene Kranke im Stadium einer metastasierten Krebserkrankung allein durch Homöopathie geheilt. Auf Ihrer Homepage findet sich die Aussage: „Einige geheilte Krebsfälle der Klinik (in der Dr. Wurster arbeitet) belegen, dass auch selbst fortgeschrittene Krebserkrankungen mit der Homöopathie behandelt werden können.“ Ich habe die Kronzeugen der Universität Freiburg, die Wurster anführt, befragt, ob sie ihm diese Behandlungserfolge wirklich bestätigt haben: Alle haben das strikt verneint. Wollen Sie nicht die Chance nutzen, sich von solch unglaublichen Versprechungen zu distanzieren?

Ihre eingangs gestellte Behauptung ist schlicht falsch. Es geht bei der homöopathischen Behandlung von Krebskranken nicht um ein Entweder-Oder, sondern um die sinnvolle Ergänzung der konventionellen Therapie. Dass eine homöopathische Behandlung einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität hat, zeigen verschiedene Studien. Ebenfalls zeigen sich in diesen Studien aber Trends, die für eine längere Überlebenszeit sprechen. Was spricht dagegen, diese Chance als Ergänzung zu nutzen? Überlebenszeiten von etlichen Jahren allerdings sind eine Rarität und durchaus ein Indiz für die Wirksamkeit. Ich habe Herrn Wurster Ihre Frage gestellt, er schreibt: „Sie meinen mit Kronzeugen die Leiter der Studie, die gar nicht das Gesamtüberleben kontrolliert haben, obwohl ich darum bat. Ich wollte es wissen und habe mich erkundigt, wer von der konventionell behandelten Gruppe nach zehn Jahren noch lebt – alle sind verstorben. Daher ist erstaunlich, dass von der homöopathisch behandelten Gruppe fast ein Drittel der Patienten heute noch lebt. Meine Kronzeugen sind meine geheilten Krebspatienten.“

Eine zurückhaltende Aussage zum Nutzen der Methode für Krebskranke ist: Homöopathie kann die Nebenwirkungen der Chemo- und Strahlentherapie abmildern. Die angesehene Cochrane Collaboration zitiert eine Studie aus dem Jahr 2004, wonach Homöopathika möglicherweise die durch eine Strahlentherapie hervorgerufenen Schleimhautschäden reduzieren konnten. Nun ließ sich dieser einzige Beleg 2012 durch eine neue Studie bei derselben Gruppe kranker Kinder nicht bestätigen. Macht Sie das nicht nachdenklich?

Die Studie wurde mit einem Komplexmittel durchgeführt. Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte vertritt die Einzelmittelhomöopathie – die Erläuterung der Unterscheidungwürde an dieser Stelle zu weit führen. Tatsache ist, dass es andere Studien gibt, die für eine Verbesserung der Lebensqualität bei zusätzlicher Behandlung sprechen. Eine Studie aus der Kinderonkologie im Inselspital in Bern zeigt, dass mehr als 80 Prozent der Kinder, die zusätzlich zu ihrer konventionellen Chemotherapie homöopathische Mittel erhalten, davon profitieren. Es stimmt: Es gibt immer noch viel zu wenige Studien, das bemängeln wir seit Jahren. Es fehlt die öffentliche Forschungsförderung. Richtig ist aber auch, dass es Doppelblind- Studien gibt, die eine Wirksamkeit der Homöopathie belegen.

Für die Patienten wirkt die homöopathische Erstanamnese attraktiv: Ein Arzt hat „richtig Zeit“ für sie. Ich habe aber nirgendwo in der Literatur einen Vergleich von homöopathischer Erstanamnese und klassischer Diagnostik gefunden. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Ihr Weg der bessere ist?

Ich glaube, Sie haben eine falsche Vorstellung von homöopathischen Ärzten. Wir sind tatsächlich „normale“ Ärzte, üblicherweise Fachärzte, die ebenso wie alle anderen Diagnostik betreiben, andere Kollegen zu Rate ziehen und auch sonst auf den Grundlagen des medizinischen Wissens agieren. Dazu gehört selbstverständlich die ausführliche homöopathische Erstanamnese. Da wir immer auch eine konventionelle Diagnostik betreiben, lässt sich die Effektivität dieser Diagnostiken aber wohl kaum in einer vergleichenden Studie untersuchen. Im Übrigen bewährt sich die Homöopathie seit 200 Jahren in mittlerweile mehr als 70 Ländern. Sie ist kostengünstig und effektiv. Wir homöopathischen Ärzte sind nicht so vermessen zu behaupten, unser Weg wäre grundsätzlich der bessere. Wir haben zu dem guten und vielfach berechtigten Weg der „Schulmedizin“ nur noch etwas anzubieten.

Das Interview führte Prof. Norbert Schmacke | Bremen