IT-gestützte Triage: Schweizer Erfolgsmodell wird in Bremen getestet

04.03.2019 |

Bei der Einführung des Ersteinschätzungssystems SmED nimmt die KV Bremen eine Vorreiterrolle ein: Der Ärztliche Bereitschaftsdienst Bremen-Stadt ist die erste Einrichtung in Deutschland, die die Software testet. Das könnte sich als Vorteil herausstellen, wenn der Gesetzgeber den 24/7-Betrieb der 116117 durchdrückt.

Der Ärztliche Bereitschaftsdienst Bremen-Stadt ist die erste Einrichtung, die bereits vor dem offiziellen Projektstart am 1. April, mit SmED (strukturiertes medizinisches Ersteinschätzungsverfahren für Deutschland) arbeitet. In weiteren zehn Bundesländern kommt die Software später zum Einsatz. Auf Basis eines in der Schweiz seit Jahren eingesetzten Verfahrens unterstützt SmED die Disponenten wie zum Beispiel die Medizinischen Fachkräfte und Telefonistinnen im Bereitschaftsdienst bei der Abfrage von Symptomen, Krankheitsbildern, Vorerkrankungen und Risikofaktoren. Als Ergebnis erhalten die Nutzer Entscheidungsgrundlagen zur Dringlichkeit, zum Beispiel Notfall, Sofort, Heute und zum Ort der Versorgung, zum Beispiel Bereitschaftsdienst, Rettungsdienst, Notaufnahme, Hausarzt.

Die ersten Erfahrungen in Bremen sind positiv. „Es macht viel Spaß mit der Software zu arbeiten, weil sie hilft einzuschätzen, was dem Patienten fehlt und wo er weiterbehandelt werden soll“, resümiert Teamleiterin Sandra Schwenke. Das „eigene Denken“ nehme die Software den Fachkräften in der Zentrale nicht ab, der rote Faden helfe allerdings sehr, so Schwenke, insbesondere Kolleginnen, die noch nicht über viel Erfahrung verfügen.

Mehr als 300 Fälle wurden bereits mit SmED in der Bereitschaftsdienstzentrale Bremen-Stadt bearbeitet. Eine Erkenntnis ist bemerkenswert: Die Sorge war groß, dass Patienten negativ auf die Befragungen reagieren würden. Schwenke: „Ganz im Gegenteil. Sie fühlen sich besser aufgehoben, weil sich jemand Zeit nimmt.“ Da werden selbst etwas längere Wartezeiten am Tresen in Kauf genommen. Die Erfahrungen, die in Bremen mit dem neuen Ersteinschätzungssystem gesammelt werden, könnten sich bald als großer Vorteil herausstellen. Das Terminserviceund Versorgungsgesetz (TSVG) ist zwar noch nicht beschlossen, aber es kristallisiert sich deutlich heraus, dass der Gesetzgeber die Terminservicestelle und den Bereitschaftsdienst (116117) zu einer Plattform koppeln will und einen Wirkbetrieb von 24 Stunden täglich vorsieht. Dabei soll SmED zum Einsatz kommen.

 

Ersteinschätzung mit SmED: Ein Fallbeispiel

SITUATION
Ein 64-Jähriger Mann kommt in die Bereitschaftsdienstzentrale und klagt über rote Flecken am Arm nach einem Insektenstich. Eine Mitarbeiterin startet die Software SmED zur medizinischen Ersteinschätzung.

PATIENTENCHARAKTERISTIK

  • In welcher Altersklasse ist die Person? 50-65-jährig
  • Ist die betroff ene Person weiblich oder männlich? Männlich

VORTRIAGE

  • Bestehen lebensbedrohliche Anzeichen? Nein

SYMPTOME

  • Befi ndet sich der Insektenstich im Bereich der Mundhöhle, des Rachens oder des Kehlkopfs? Nein
  • Ist es zu mehr als 10 Stichen gekommen? Nein
  • Bestehen im Stichbereich starke Entzündungszeichen (Überwärmung, Rötung, Schwellung)? Ja
  • Ist eine Wespen-/Bienenstichallergie bekannt? Nein
  • Durch welches Insekt wurde der Insektenstich/Insektenbiss verursacht? Wespe
  • Wann fand der Insektenstich statt? Vor 2-3 Tagen

AUSSCHLAG

  • Ist ein Ausschlag sichtbar? Ja
  • Sieht man ausgehend vom Ausschlag rote Linien auf der Haut (Blutvergiftung)? Nein
  • Besteht der Ausschlag aus großen Blasen oder einer Vielzahl punktförmiger Hautblutungen? Nein
  • Breitet sich der Ausschlag rasch aus (Verdoppelung der befallenen Hautfl äche innerhalb einer Stunde)? Ja
  • Wie stark sind die Schmerzen? Leicht (1-3 von10): 3
  • An welcher/n Körperstelle/n ist der Ausschlag? Arme
  • Wie lange ist der Ausschlag bereits sichtbar? Seit heute
  • Welche Hautveränderungen bestehen? Rote Flecken
  • Wie ausgedehnt ist der Ausschlag? Nur an einzelnen Körperstellen

ALLGEMEINE FRAGEN

  • Werden gegenwärtig oder wurden in den letzten Wochen neue Medikamente eingenommen oder ist die Medikamentendosis gesteigert worden? Nein
  • Fällt eine Verengung der Atemwege auf, welche beim Ein- und/oder Ausatmen zu einem krankhaften Atemgeräusch (Pfeifen, Giemen, Brummen) führt? Nein
  • Sind diese Beschwerden bereits einmal in Zusammenhang mit einer schweren allergischen Reaktion aufgetreten? Nein
  • Sind die Lippen, die Zunge oder die Augen/Augenlider geschwollen (Angioödem)? Nein
  • Kann die Brust mit dem Kinn berührt werden? Brust kann berührt werden
  • Hat kürzlich ein Auslandsaufenthalt stattgefunden? Nein
  • Wurden bereits Selbstbehandlungsmaßnahmen durchgeführt (z.B. Hausmittel, rezeptfreie Arzneimittel)? Nein
  • Ist eine Zuckerkrankheit (Diabetes) bekannt? Ja

ERGEBNIS
Medizinische Behandlung sofort im Ärztlichen Bereitschaftsdienst.

BEGRÜNDUNG
Der Ausschlag breitet sich rasch aus. Es bestehen starke Entzündungszeichen (Überwärmung, Rötung, Schwellung). Bei Diabetikern kann es im Falle eines infektiösen Hautausschlages schneller zu Komplikationen kommen als bei Nicht-Diabetikern. Zudem können die klassischen Symptome eines Infekts (z.B. Fieber) fehlen oder verschleiert sein.