Lyrica wird immer häufiger gedealt: Verordnungen sorgfältig abwägen

13.09.2016 |

Das Arzneimittel Lyrica wird und Clonazepam-Präparate werden immer häufiger auf der Straße gehandelt. Entsprechende Hinweise haben die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung von Ärzten und der Polizei erhalten. Es kann nur einen Ratschlag geben: Wägen Sie die Indikation sorgfältig ab.

Lyrica enthält den Wirkstoff Pregabalin. Es ist seit 2004 auf dem Markt und richtet sich vor allem gegen Epilepsie, ist aber auch zugelassen für die Behandlung von Nervenschmerzen und die Therapie der generalisierten Angststörung. Eingesetzt wird das Medikament zudem bei Patienten, die sich in Substitutionsbehandlung befinden. „Auch wenn die Indikation eine andere ist, wirkt Lyrica ähnlich wie ein Benzodiazepin entspannend, gleichzeitig kann es aber auch euphorisieren“, sagt Professor Jens Reimer, Chefarzt der Abteilung für Suchtmedizin im Klinikum Bremen-Ost. „Dazu kommt wie bei anderen abhängigkeitserzeugenden Substanzen auch, dass die Dosis gesteigert werden muss, wenn man eine gleichbleibende Wirkung haben möchte.“ Die empfohlene Dosis von Pregabalin liegt bei 150 bis 300 mg, als Höchstdosis pro Tag bei 600 mg – Abhängige nehmen bis zu 7.500 mg ein.

Das macht Lyrica auch interessant für die Drogenszene. So hat die Polizei in den vergangenen Monaten mehrfach Drogenhändler festgenommen, die in größeren Mengen Lyrica-Tabletten für bis zu drei Euro pro Stück verkauften. Nach Auskunft der Polizei hätten sie die Tabletten in der Packungsgröße N 3 (100 Tabletten) von Ärzten  verschrieben bekommen. „Dass illegal mit Lyrica gehandelt wird, ist mir auch schon zugetragen worden – zumal wir in der Klinik auch schon entsprechende Entzüge hatten“, berichtet Jens Reimer.

Das Abhängigkeitspotenzial sei vielleicht noch nicht allen Kolleginnen und Kollegen bekannt, so Reimer. Der Suchtmediziner empfiehlt daher, die Indikation sorgfältig abzuwägen: „Diagnose und Verordnung des Medikaments müssen zusammenpassen. Das Medikament sollte insbesondere bei psychischen Störungen nur im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplanes eingesetzt werden. Hier sollte initial bei einer Erstverordnung die kleinste Packungsgröße gewählt werden. Bei Patienten mit einer Suchtstörung sollte das Medikament sehr zurückhaltend und nur übergangsweise verordnet werden.“

Genauso umsichtig sollten Ärztinnen und Ärzte mit Clonazepam-Präparaten umgehen. „Vor allem Drogenpatienten fordern Clonazepam als angebliches Antiepileptikum gerne zusammen mit Pregabalin ein“, sagt Jens Reimer. „Clonazepam ist in der Drogenszene sehr beliebt, weil es wie Pregabalin in den üblichen Urinschnelltesten nicht nachgewiesen werden kann.“

Auch die Ärztekammer Bremen und die Kassenärztliche Vereinigung Bremen raten Ärztinnen und Ärzten dazu, Pregabalin und Clonazepam verantwortungsvoll zu verschreiben. Eine leichtfertige Indikationsstellung oder eine großzügige Verordnung von N3-Packungen können nicht nur einen Arzneimittelregress, sondern auch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen auslösen.

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von Bettina Cibulski, Ärztekammer Bremen