Die Telematik-Infrastruktur kommt

19.06.2017 |

Ab dem 1. Juli 2017 können und spätestens bis zum 1. Juli 2018 sollten niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten ihre Praxen mit neuer Hardware für die sogenannte Telematik-Infrastruktur ausgestattet haben. Wieder eine große Umstellung! Nur ein kleiner Trost ist, dass die Ausstattung zum Teil von den Krankenkassen bezahlt wird.

Bisher waberten Begriffe wie Telematik-Infrastruktur oder Versichertenstammdatenmanagement lediglich durch Fachgazetten oder waren bestenfalls Thema warnender Mitteilungen von Ärzteverbänden. Die Praxen von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten hatten diese Begriffe jedenfalls noch nicht erreicht. Allenfalls die verbindliche Einführung der elektronischen Gesundheitskarte im Jahr 2015 gab einen Vorgeschmack, auf das, was da noch kommen würde.

Und jetzt kommt es mit voller Wucht. Der Gesetzgeber hat im eHealth-Gesetz die Ärzte und Psychotherapeuten verpflichtet, die Versichertendaten auf der elektronischen Gesundheitskarte online zu prüfen und zu aktualisieren. Die Rede ist vom Versichertenstammdatenmanagement, kurz VSDM. Diese Pflicht gilt ab dem 1. Juli 2018. Viel Zeit noch, könnte man meinen. Tatsächlich ist Eile geboten. Denn für das VSDM braucht es neue Technologie in den Praxen, nämlich die Telematik-Infrastruktur (TI). In Werbebroschüren wird gerne von der schnellen Datenautobahn im Gesundheitswesen geschrieben. Letzten Endes ist die TI der Oberbegriff für die Idee, alle Akteure (Praxen, Krankenhäuser, Apotheken, Krankenkassen – in gewisser Weise auch die Patienten) an ein einheitliches Datennetz zu schließen. Und natürlich braucht es für die Umsetzung dieser Idee neue Technik. Und auch an dieser Stelle hat der Gesetzgeber den Spielraum auf Null gesetzt, indem er die Einführung der TI gesetzlich diktiert hat. Ein Abweichen ist nicht möglich.

Im Mittelpunkt der TI steht der so genannte Konnektor, ein Gerät das optisch einem DSL-Router oder eben dem KV-SafeNet gleicht, doch mit – wie die gematik als Betreiber der TI hervorhebt – wesentlich höheren Sicherheitsstandards. Das mag auch der Grund sein, warum die Geschichte des TI-Konnektors bisher eine Geschichte voller Pleiten, Pech und Pannen war. Ursprünglich sollte die Technik in zwei Regionen getestet werden – mit zwei verschiedenen Anbietern. Im Nordwesten (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein) ging ein Konsortium unter Führung der Compugroup an den Start, vielen Ärzten bekannt als Anbieter von Praxisverwaltungssystemen. Im Südwesten der Republik (Bayern und Sachsen) testete T-Systems – allerdings nur kurz. Das Unternehmen, das immerhin zum Branchenriesen Deutsche Telekom gehört, machte kurzerhand aufgrund „technischer Probleme“ einen Rückzieher. Die Folge war, dass die zentrale Technik-Anwendung im deutschen Gesundheitswesen nur unter wenigen Teilnehmern einem Härtetest unterzogen wurden. Und das auch noch in knapp bemessener Zeit. Die Testpraxen in der Region Nordwest sind erst Ende 2016 mit den Konnektoren samt neuer Kartenterminals ausgestattet worden.

Die bisherigen Berichte vom Echtbetrieb „aus der Praxis“ sind uneinheitlich. Es gibt Ärzte, die von einer reibungslosen Umstellung berichten, andere von erheblichen Problemen bei der Installation der Anwendungen und von Verzögerung im Praxisbetrieb insbesondere durch die Online-Prüfung der Versichertendaten.

Eine aufschiebende Wirkung haben die Lieferprobleme der Industrie und die mangelnden Erkenntnisse aus dem Echtbetrieb allerdings nicht, auch wenn dies viele fordern. Bereits einmal hatte die Politik den bundesweiten Rollout der Konnektoren um ein Jahr auf den 1. Juli 2017 verschoben. Ein zweites Mal würde es nicht geben. Neben den Sorgen um die technische Stabilität des Systems drängen sich weitere Fragen auf: Wer bezahlt? Und welche Preise sind angesichts der Monopolstellung des einzigen Anbieters zu erwarten?

Die Kosten für die TI übernehmen die Krankenkassen. So hat es der Gesetzgeber im Sozialgesetzbuch verankert. Der Teufel liegt allerdings im Detail, in diesem Fall in der Finanzierungsvereinbarung, über die sich der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztlichen Bundesvereinigung einigen müssen. Dies ist mittlerweile geschehen. Beide Seiten zeigen sich zufrieden über die Einigung. Zu den wichtigsten Eckpunkten zählt: Es gibt Geld für die Anschaffung der Konnektoren und zwar maximal 2620 Euro – allerdings nur dann, wenn das Gerät im dritten Quartal 2017 in den laufenden Praxisbetrieb geht. In  den Folgequartalen wird jeweils um zehn Prozent weniger ausbezahlt. Zuckerbrot und Peitsche: Denn ab dem dritten Quartal 2018 gibt es nur noch einen minimalen Betrag, der kaum ausreichen wird, um die Investitionen wieder reinzubekommen. Zusätzlich zum Konnektor müssen sich Praxen die technisch passenden Kartenterminals anschaffen. Für ein stationäres Terminal gibt es einmalig 435 Euro, für ein mobiles 350 Euro. Hinzu kommt noch eine Startpauschale von 900 Euro sowie definierte Beträge für den laufenden Betrieb.

Ob die Industrie die Komponenten (Konnektoren, Terminals, etc.) rechtzeitig liefern kann, ist angesichts der Quasi-Monopolstellung der Compugroup und den Startschwierigkeiten in den Testregionen mehr als fraglich. Insofern stehen niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten vor einem Problem, das sie nicht lösen können, selbst wenn sie zu den Pionieren zählen wollen. Da wirkt der Auftrag der gematik an die österreichische Firma „Research Industrial Systems Engineering” einen weiteren Konnektor auf den Markt zu bringen, geradezu verzweifelt. Das Unternehmen könne frühestens im ersten Quartal 2018 liefern, heißt es in einer Mitteilung. Dann bleiben nur noch wenige Monate bis zum 1. Juli 2018 – dem Tag, an dem die Telematik-Infrastruktur scharf gestellt wird. Und für diesen Stichtag hält der Gesetzgeber eine weitere Gemeinheit parat: Ärzte und Psychotherapeuten, die bis dahin nicht die Versichertendaten online übermitteln, werden bestraft. Ihnen wird ein Prozent ihres Honorars gekürzt.

 

Das brauchen Sie

Konnektor

Der Zugang zur TI läuft über einen Konnektor – ähnlich einem DSL-Router, allerdings auf einem deutlich höheren Sicherheitsniveau. Der Konnektor ist mit den stationären Kartenterminals der Praxis sowie dem Praxisverwaltungssystem per Netzwerk verbunden. Er enthält auch das notwendige Modul für das Versichertenstammdatenmanagement.

Kartenterminals, eHBA und SMC-B

Mit den Kartenterminals werden die elektronische Gesundheitskarte (eGK), der elektronische Heilberufsausweis (eHBA) und die Praxis- beziehungsweise Institutionskarte Security Module Card Typ B (SMC-B) eingelesen. Nur wenn die Praxis mittels SMC-B registriert ist, kann der Konnektor eine Verbindung
zur TI aufbauen. Auch mit dem eHBA und der SMC-B sind für die Praxen Kosten verbunden.

Mobile Kartenterminals

Mobile Kartenterminals ermöglichen den Vertragsärzten, zum Beispiel bei Hausbesuchen abrechnungsrelevante Versichertenstammdaten zu lesen und zwischenzuspeichern. Für den Betrieb eines mobilen Kartenterminals wird eine SMC-B oder ein eHBA zur Identifikation benötigt.

VPN-Zugangsdienst

Für den Zugang zur TI wird ferner ein sogenannter VPN-Zugangsdienst benötigt, der von einem speziellen Dienstleister bereitgestellt wird.

Anpassung PVS

Auch das Praxisverwaltungssystem (PVS) muss angepasst werden, damit das Auslesen und gegebenenfalls Aktualisieren der Versichertendaten auf der eGK möglich sind.

 

Die ersten Schritte

Hardware

Die Situation ist einerseits sehr übersichtlich (ein Anbieter für Konnektoren), andererseits sehr unüberschaubar (Lieferschwierigkeiten). Unser Tipp: Wenden Sie sich möglichst bald an Ihren Systempartner bzw. an den Ihnen bekannten Techniker. Er wird Sie informieren und die Bestellung aufnehmen. Lassen Sie sich aber nicht unter Druck setzen und unterschreiben Sie möglichst keinen Vertrag, wenn die Firma Ihnen nicht zusichern kann, dass der Konnektor noch im selben Quartal in Ihrer Praxis installiert wird. Anderenfalls sollten Sie darauf drängen, dass Sie das Gerät zu dem Preis erhalten, der durch die Höhe der Finanzierungspauschale zum Zeitpunkt Ihres ersten Versichertenstammdatenabgleiches abgedeckt ist. Verbindliche Bestellungen mit langen Lieferzeiten können ansonsten problematisch sein.

Förderung

Nach der ersten Online-Übertragung der Versichertendaten haben Sie Anspruch auf die Förderung. Füllen Sie dazu einfach den Förderantrag Telematik-Infrastruktur (pdf - 41 kB) aus und senden diesen an die KV zurück. Sie erhalten die Fördersumme mit dem nächsten Honorarbescheid und ab diesem Zeitpunkt auch die Pauschalen für den laufenden Betrieb.

 

Das wird bezahlt

Konnektoren und stationäre Kartenterminals

Konnektor inklusive Funktion für qualifizierte elektronische Signatur und stationäre Kartenterminals:

 

Mobile Kartenterminals

einmalig 350 Euro je Gerät

  • je Vertragsarzt mit mindestens halber Zulassung, der mindestens drei Haus- und/oder Heimbesuche im Quartal durchführt und/oder an einem Kooperationsvertrag nach § 119b SGB V (ambulante Behandlung in stationären Pflegeeinrichtungen) teilnimmt
  • je ausgelagerter Praxisstätte (keine Kriterien)

TI-Startpauschale

einmalig 900 Euro für

  • Anschlussgebühr virtuelles privates Netzwerk (VPN), Installation, Praxisausfall während der Installation, Anpassung Praxisverwaltungssystem (PVS) und Zeitaufwand Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) in der Startphase

Laufender Betrieb
Wartung der Komponenten und Updates (einschließlich laufende Kosten für VPN-Zugangsdienst):

  • 3/2017 bis 2/2018: 298 Euro je Quartal
  • ab 3/2018: 248 Euro je Quartal

SMC-B Smartcard (Praxisausweis)
23,25 Euro je Quartal je Karte

HBA Smartcard (Arztausweis)

11,63 Euro je Quartal je Karte

  • Hinweis: Im ersten Quartal der Nutzung werden die laufenden Betriebskosten ab dem Monat, in dem die Praxis an die TI angeschlossen ist, anteilig übernommen

 

KV-SafeNet

Die Telematik-Infrastruktur ersetzt mittelfristig das KV-Safe-Net. Für eine Übergangszeit wird es allerdings notwendig sein, dass in den Praxen neben dem Konnektor der TI auch der SafeNet-Router betrieben wird. Die Anwendungen, wie zum Beispiel die KV-Abrechnung, sollen schließlich direkt über die Infrastruktur der TI abgewickelt werden. Die KVen bereiten diesen Übergang derzeit vor. Die Sicherheitsspezifikationen sind allerdings erst seit Kurzem veröffentlicht.