PCT bei Atemwegsinfektionen für den gezielten Antibiotika-Einsatz

18.07.2018 |

Antibiotika gezielt einsetzen und Resistenzen vermeiden: Um diesem Ziel näher zu kommen, wurde der EBM zum 1. Juli angepasst. Unter anderem ist der Bluttest auf den Entzündungsmarker Procalcitonin (PCT) nun Kassenleistung ‒ und er wirkt sich nicht negativ auf den Wirtschaftlichkeitsbonus aus.

Für die Verordnung einer Antibiotikatherapie bei Patienten mit akuten Atemwegsinfektionen ist zwischen einer viralen oder bakteriellen Ätiologie zu unterscheiden. Als diagnostische Hilfestellung steht ab 1. Juli der Bluttest auf den Entzündungsmarker Procalcitonin (PCT) als GOP 32459 im EBM.

Bei schweren bakteriellen Entzündungsreaktionen ist ein schneller Anstieg der Blutkonzentration des PCT zu beobachten. Bei Virusinfekten, bei leichten und lokal begrenzten Bakterieninfektionen und bei nicht infektiösen entzündlichen Erkrankungen, wie Autoimmunerkrankungen, hingegen ist kein Anstieg von PCT über die Entscheidungsgrenze zu verzeichnen.

Neben der Anwendung des PCT in der Diagnostik von antibiotisch behandlungsbedürftigen bakteriellen Atemwegsinfektionen ist der diagnostische Nutzen des PCT in der stationären Versorgung für die Sepsis belegt. Aufgrund dieser Eigenschaft wird ein erhöhtes PCT als Hinweis auf das Vorliegen einer antibiotisch behandlungsbedürftigen bakteriellen Infektion gewertet und stellt somit eine Entscheidungshilfe für die Verordnung von Antibiotika dar.

PCT-Test versus CRP-Test

Aus mehreren Gründen wurde der Einführung eines quantitativen PCT-Tests gegenüber einem quantitativen CRP-Test (C-reaktives Protein) als patientennahe Sofortdiagnostik der Vorrang gegeben. Der diagnostische Nutzen von quantitativen CRP-Tests hinsichtlich der Beeinflussung von Antibiotikaverordnungen bei Patienten mit akuten Atemwegserkrankungen wurde systematisch aufgearbeitet. Dabei zeigt sich, dass eine auf CRP-Tests gestützte Entscheidungsstrategie zwar zu weniger Antibiotikaverordnungen führt, der Effekt aber deutlich geringer ist als bei der Verwendung von PCT-Tests.

Darüber hinaus führt der Einsatz von CRP gegenüber dem Standardverfahren ohne CRP zu einem erhöhten Risiko hinsichtlich eines erneuten Arztbesuchs innerhalb der nächsten 28 Tage sowie einer Hospitalisierung.

Erregeridentifizierung und Empfindlichkeitsprüfungen

Ab 1. Juli gibt es im EBM zur Erregeridentifizierung die  neuen Gebührenordnungspositionen 32692 und 32759 sowie zur Empfindlichkeitsprüfung die Gebührenordnungspositionen 32772 und 32773 plus die entsprechenden Zuschläge. Sie ergänzen die bereits bestehenden Gebührenordnungspositionen zur Erregeridentifizierung und ersetzen die bestehenden Gebührenordnungspositionen zu Empfindlichkeitsprüfungen.

Damit können Ärzte insbesondere bei Wund- oder komplizierten Harnwegsinfektionen vor einer möglichen antibiotischen Therapie den Erreger und das Resistenzprofil bestimmen lassen und so das geeignete Antibiotikum auswählen. Wenn der Erreger empfindlich auf Standardtherapeutika reagiert, muss das Labor Ergebnisse zu Zweitlinien oder Reserveantibiotika nicht mitteilen, um keinen Anreiz zu deren Verordnung zu setzen.

Hinweise für Praxen zum Einsatz der Labordiagnostik

In der Praxis sind verschiedene Szenarien der Umsetzung möglich, die im Ermessen des Arztes liegen und von Patient zu Patient entschieden werden müssen. Zum einen hat die verzögerte Verordnung von Antibiotika bereits in vielen Arztpraxen Einzug gehalten: Hierbei warten Arzt und Patient zunächst ab, wie sich die Symptome weiterentwickeln. Um sich in dieser Zeit Gewissheit über die Notwendigkeit eines Einsatzes von Antibiotika zu verschaffen, kann der behandelnde Arzt in solchen Fällen einen PCT-Test oder eine  Erregerbestimmung im Labor veranlassen (Muster 10).

Das sich anschließende Antibiogramm ermöglicht es zudem, das passende Antibiotikum mit der entsprechenden Dosierung und Behandlungsdauer auszuwählen und so das Risiko von Antibiotikaresistenzen zu mindern. Zum anderen kann der Arzt abwägen, ob er dem Patienten bei Verdacht auf eine bakterielle Infektion ein Rezept für ein Antibiotikum ausstellt mit dem Hinweis, dieses erst bei einem positiven Testergebnis in der Apotheke einzulösen.

Ärzte sollten künftig möglichst immer dann eine Laboruntersuchung veranlassen, wenn aufgrund klinischer Kriterien die Indikation für oder gegen eine Antibiotikatherapie nicht eindeutig gestellt werden kann. In allen anderen Fällen können sie weiterhin eine kalkulierte Antibiotikatherapie verordnen, ohne vorherige Labordiagnostik. Entscheidet sich der Arzt für Labortests bei seinem Patienten, überweist er den PCT-Test oder eine mikrobiologische Diagnostik zur Empfindlichkeitsprüfung wie gewohnt an einen Facharzt für Laboratoriumsmedizin oder Mikrobiologie (Muster 10).

Kennnummern für Wirtschaftlichkeitsbonus

Damit sich die Kosten für die mikrobiologischen Tests im Zusammenhang mit Antibiotikaverordnungen nicht nachteilig auf den Wirtschaftlichkeitsbonus der Praxis auswirken, wurde die neue Kennnummer 32004 vereinbart. Sofern eine gesetzliche Meldepflicht für den Erreger oder die Infektion besteht, kann alternativ die Kennnummer 32006 angesetzt werden. Beim Einsatz von Diagnostik zur gezielten Antibiotikaverordnung gilt: Die Kennnummer 32004 kann unabhängig vom Befund der Labordiagnostik angesetzt werden. Es ist ausreichend, die Verordnung einer antibiotischen Therapie vornehmen zu wollen. Konkret heißt das: Auch wenn als Ergebnis herauskommt, dass keine Antibiotikatherapie angezeigt ist, ist die Diagnostik von der Anrechnung auf den Wirtschaftlichkeitsbonus befreit. Gibt der Arzt eine Kennnummer bei seiner Abrechnung an, werden die entsprechenden Leistungen von der Anrechnung auf die Laborkosten der Praxis ausgenommen.

 

Neue GOP und Ausnahmekennziffer

  • GOP 32459
    Biomarker Procalcitonin, 9,60 Euro
  • Ausnahmekennziffer 32004
    Diagnostik zur Bestimmung der notwendigen Dauer, Dosierung und Art eines gegebenenfalls erforderlichen Antibiotikums vor Einleitung einer Antibiotikatherapie oder bei persistierender Symptomatik vor erneuter Verordnung

Die GOP 32459 wird nicht auf die Laborkosten der Praxis angerechnet, wenn es um die Ermittlung des Wirtschaftlichkeitsbonus Labor geht.


Informationen für Patienten

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat eine Reihe von teils mehrsprachigen Patienteninformationen zum Thema herausgegeben, die auf der Seite der KV Bremen zum Download bereitstehen: