Vertreterversammlung fordert Atempause bei Digitalisierung

28.10.2020 |

Die Vertreterversammlung der KV Bremen fordert angesichts der Coronapandemie für das kommende Jahr ein Moratorium beim Ausbau der Telematik-Infrastruktur. Auf der Sitzung am 27. Oktober bekräftigten die Mitglieder ihren Willen zu einer sinnvollen digitalen Vernetzung, kritisierten allerdings auch eine mangelhafte Gegenfinanzierung und unrealistische Fristen.

Der Resolutionstext im Wortlaut:

 


 

Resolution der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen vom 27.10.2020:

 

Sinnvolle digitale Vernetzung im Gesundheitssystem fördern und gemeinsam entwickeln - kein praxisferner Aktionismus auf Kosten der Praxen und der Patienten!

Für eine Atempause der Praxen in der Corona-Pandemie: Digitalisierungsoffensive verschieben!

Deutschland hat im Bereich der digitalen Vernetzung der medizinischen Dienstleister unbestritten im internationalen Vergleich einen erheblichen Nachholbedarf. Die Vertreterversammlung der KV Bremen hat sich ausführlich mit dem Thema befasst und betont die Bereitschaft der Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, im Interesse unserer Patientinnen und Patienten sinnvolle und praxistaugliche Veränderungen und Innovationen mit zu tragen. Das vom Gesetzgeber forcierte Tempo der Einführung von zum großen Teil nicht ausgereiften und nicht ansatzweise gegenfinanzierten digitalen Projekten überfordert jedoch unsere Praxen in Zeiten der Pandemie.

Aktuell tragen wir enorme Belastungen durch die Bewältigung der COVID19-Epidemie. Ständig aktuell angepasste Hygiene- und Behandlungskonzepte beanspruchen die Praxen enorm - administrativ, personell und finanziell. In den kommenden Monaten ist zudem aufgrund der erhöhten berufsbedingten Gefährdung mit u. U. erheblichen Krankheitsausfällen im medizinischen Bereich zu rechnen.

Gleichzeitig forciert der Bundesgesundheitsminister den Ausbau der Telematikinfrastruktur und der verpflichtenden digitalen Angebote in den Praxen. Im nächsten Jahr müssen nach aktueller Gesetzeslage in unseren Praxen zahlreiche Neuerungen etabliert werden, die kaum praxiserprobt sind und für die meist die erforderlichen technischen Voraussetzungen heute noch gar nicht zur Verfügung stehen. Abgesehen davon, dass der von den Praxen geforderte Installationsaufwand durch die in Aussicht gestellten Fördermitteln der Kassen bei Weitem nicht gedeckt würde, ist der organisatorische Aufwand insgesamt von uns in Zeiten der Pandemiebekämpfung nicht zu leisten. Das gleiche gilt für die Partner im Gesundheitswesen - wie Kliniken und Krankenkassen - deren Ressourcen ebenfalls durch COVID maximal beansprucht werden. Das wiederholte kurzfristige Verlängern unhaltbarer gesetzlicher Fristen schafft hier weder Entlastung noch Planungssicherheit.

Keine Digitalisierungsoffensive während des Höhepunktes der Corona-Pandemie!

Die Vertreterversammlung der KV Bremen fordert die Gesundheitsminister des Bundes und der Länder und den Gesetzgeber auf, alle Verpflichtungen im Zusammenhang mit dem Ausbau der digitalen Infrastruktur zunächst für das kommende Jahr auszusetzen bzw. alle gesetzlichen Fristen zunächst um ein Jahr zu verlängern. Das Moratorium soll genutzt werden, die geplanten Neuerungen vorher in der Praxis zu erproben. Durch die gewonnene Zeit können mehr Anbieter technische Lösungen entwickeln. So kann ein Wettbewerb unter den Systemhäusern auch zu marktgerechten Preisen führen. Alle neuen Regelungen müssen unter dem Aspekt des Patientennutzens und der Vereinfachung unserer Praxisabläufe auf den Prüfstand gestellt werden.

Außerdem fordert die Vertreterversammlung:

  • Digitalisierung soll die Patientenversorgung erleichtern, nicht blockieren!
    Die zusätzlichen Anforderungen an Datenerfassung, Datenpflege und Datenschutz dürfen die Abläufe in den Praxen nicht behindern. Das gilt insbesondere für die elektronische Signatur von Verordnungen etc.. Daher fordern wir eine breite und realistische Erprobung neuer Prozeduren vor ihrer gesetzlich verpflichtenden Einführung.
  • Keine finanzielle Mehrbelastung der Praxen!
    Einen Nutzen durch den Ausbau der digitalen Vernetzung haben vor allem Patienten und Krankenkassen. Die Kassen müssen daher auch für alle dadurch in den Praxen entstehenden Kosten vollständig aufkommen - bislang ist das nicht der Fall.
  • Angemessene Vergütung des Mehraufwandes!
    Die geplanten Neuerungen bedeuten erheblich mehr Aufwand für die Praxen, bieten hier aber zunächst kaum Nutzen. Der in unseren Praxen entstehende organisatorische und zeitliche Mehraufwand muss bei der Vergütung ärztlicher und psychotherapeutischer Leistungen berücksichtigt werden.

 

Bremen, den 27.10.2020
Dr. Björn Ackermann, Dipl. psych. Alfred Hovestadt, Irene Suschko-Kück,
Dr. Stefan Trapp, Dr. Andreas Umlandt