Wenn geflüchtete Menschen in Bremen oder Bremerhaven psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe benötigen, ist die Sprache oft ein Hindernis: Mit der Verständigung steht und fällt eine erfolgreiche Therapie der Patienten. Dieses Hindernis zu überwinden, hat sich der Bremer „Sprachmittlungspool“ zur Aufgabe gemacht. Das Modellprojekt, gefördert von der Bremer Gesundheitssenatorin und getragen von Refugio Bremen, vermittelt und finanziert seit September 2019 qualifizierte Sprachmittlerinnen und Sprachmittler für rund 20 Sprachen – und die Chancen stehen gut, dass es auch im kommenden Jahr weitergeführt wird. Zudem signalisiere das Gesundheitsressort den Willen, das Projekt zu verstetigen, berichtet Danja Schönhöfer, Therapeutische Leitung bei Refugio.
Dolmetscher werden speziell geschult
Im Gegensatz zu privaten Dolmetschern oder begleitenden Familienangehörigen werden die Sprachmittler in einem Curriculum speziell für das Dolmetschen im psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich geschult. Dies beinhaltet beispielsweise Techniken zur konkreten Umsetzung der Sprachmittlung, Grundsätze von Psychotherapie und Psychiatrie, berufsethische Prinzipien, Aufklärung über rechtliche Verpflichtungen wie Schweigepflicht, aber auch Abgrenzung und eigene Psychohygiene. Denn in den Sitzungen können auch traumatische Ereignisse wie Flucht oder Suizid eine Rolle spielen. Doch nicht nur die Sprache wird übersetzt, auch die kulturellen Hintergründe oder Ausdrucksweisen werden vermittelt. „Beispielsweise kann jemand aus kulturellen Hintergründen überzeugt sein, verhext zu sein – es kann aber auch psychiatrisch bedingt sein“, erklärt die Therapeutische Leitung. Hier können die Sprachmittler wertvolle Hintergründe liefern.
Schulungsangebote auch für Behandelnde
Aber nicht nur für die übersetzenden Sprachmittler gibt es Schulungsangebote, auch für die Behandelnden selbst. „Wie arbeite ich mit der Sprachmittlung, wie kann ich sie sinnvoll und professionell einsetzen? Wir bieten Schulungen an, um sich das Setting besser vorstellen zu können“, so Schönhöfer. Denn auch wenn das Projekt sehr erfolgreich laufe: „In den Fortbildungen wird teils deutlich, dass es schon noch eine gewisse Berührungsangst mit der Sprachmittlung gibt“, sagt dazu Projektkoordinatorin Franziska Struwe. Ein weiterer Punkt für die Behandelnden: Die Sprachmittlung helfe nicht nur, die Sprachbarriere zu überwinden, sondern biete einhergehend auch eine rechtliche Absicherung für den Psychotherapeuten oder Psychiater, betont Schönhöfer – und zwar den informed consent im Rahmen der medizinischen Aufklärung zu gewährleisten. Der Antrag auf Sprachmittlung ist möglichst unkompliziert gehalten, die Terminfindung mit den Sprachmittlern und die Abrechnung erfolgt über Refugio. Für gewöhnlich werde eine Vorlaufzeit von einer Woche benötigt, so Struwe.
Es finden viele Weiterbehandlungen statt, das zeige durchaus, dass Geflüchtete durch den Sprachmittlungspool erfolgreich Zugang zur ambulanten Versorgung in Psychiatrie und Psychotherapie bekommen, so Schönhöfer. Allerdings würden die meisten Sprachmittler in laufende Behandlungen vermittelt – wünschenswert sei, so Schönhöfer, mehr Sprachmittler bei Erstkontakten zu vermitteln, die über TSS laufen. „Damit aus einem Erstkontakt auch eine erfolgreiche Behandlung wird“, sagt die Therapeutische Leiterin.
So läuft der Antrag ab:
- Das Angebot richtet sich an Psychiater, Kinder- und Jugendlichenpsychiater, ärztliche und psychologische Psychotherapeuten bzw. Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten sowie psychologische/ärztliche Psychotherapeuten in Aus- bzw. Weiterbildung.
- Das Antragsformular steht auf der Homepage von Refugio unter dem Reiter „Sprachmittlung“ bereit. Im Antrag vermerkt werden beispielsweise benötigte Sprache, Angaben zu Patient bzw. Patientin, zum Behandlungsumfang oder ob die Sprachmittlung ein Mann oder eine Frau sein soll.
- Die Patienten müssen aus Bremen oder Bremerhaven kommen und der Behandlungsort muss ebenfalls in Bremen oder Bremerhaven sein.
- Der Sprachmittlungspool übernimmt nun die Suche nach einem passenden Sprachmittler für die avisierten Termine. Bei erfolgreicher Vermittlung wird eine Bewilligung und Terminbescheinigung an den Behandler und Sprachmittler versendet. Die Sprachmittelnden erscheinen dann zum Termin in der Praxis – bei fortlaufenden Terminen läuft die Kommunikation direkt zwischen Behandler und Sprachmittler.
Weitere Informationen gibt es auf der Webseite von Refugio unter www.refugio-bremen.de/sprachmittlung