Nadelstichverletzungen: Was in der Praxis zu tun ist

03.09.2018 |

Trotz moderner Kanülen und Infusionssysteme gehören Nadelstichverletzungen immer noch zu den häufigsten Arbeitsunfällen in Praxen. Deshalb beschreiben wir hier, was im Fall der Fälle zu tun ist.

Eigentlich dürfte es nicht passieren, zumal heute sichere Instrumente vorgeschrieben sind. Doch im hektischen Praxisalltag ist niemand davor gefeit und plötzlich geschieht es doch: Es kommt zu einer Nadelstichverletzung (Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzung). NSV, so die gängige Abkürzung für Nadelstichverletzungen, gehören nach wie vor zu den häufigsten Unfällen in Praxen und Krankenhäusern. Einer Studie zufolge kommt es in Deutschland allein im stationären Bereich zu jährlich 500.000 solcher Zwischenfälle. NSV sind alltäglich.

Bei einer Stichverletzung in der Praxis muss schnell und systematisch gehandelt werden. Zunächst sollten möglicherweise eingedrungene Erreger aus der Wunde ausgeschwemmt werden. Der Blutfluss kann durch Ausstreichen (mindestens eine Minute) gefördert werden. Die Wunde muss anschließend desinfiziert werden (eventuell Stichkanal spreizen). Nach diesen Sofortmaßnahmen sollte beim Verletzten zur Bestimmung des aktuellen Immunstatus Blut abgenommen werden. Wenn der Status des Indexpatienten nicht bekannt ist, sollte – wenn möglich – auch von diesem Blut abgenommen werden. So kann direkt auf mögliche Infektionen auf Hepatitis B und C sowie HIV untersucht werden. Wichtig: Bei der Laborüberweisung ist als Kostenträger die „BG für Gesundheitsdienste“ einzutragen. Im nächsten Schritt kann eine Impfung gegen Hepatitis B oder eine Postexpositionsprophylaxe eingeleitet werden. Die deutsch-österreichischen Leitlinien zur Postexpositionellen Prophylaxe der HIV-Infektionen (2018) empfehlen eine PEP-HIV nur dann, wenn eine HIV-Infektion wahrscheinlich ist. Sie ist also nicht als Standardtherapie indiziert.

Der Arbeitsunfall ist umgehend der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) zu melden (Unfallanzeige über das Formular U3100). Für Bremen und Bremerhaven ist die Bezirksstelle Delmenhorst zuständig. Der Vorfall muss allerdings auch intern im Verbandbuch dokumentiert werden. Im Zweifel lässt sich so belegen, dass die Erkrankung berufsbedingt verursacht ist und etwaige Entschädigungen geltend machen.

Tipp: Praxen sollten eine Betriebsanweisung erstellen, in der das Vorgehen nach einer NSV genau beschrieben wird. Es sollte auch die richtigen Ansprechpartner beinhalten. Wenn sich die Reinigungskraft nach Praxisende bei der Abfallentsorgung verletzt, muss auch sie wissen was zu tun ist. Das Ablaufdiagramm kann bei der Erstellung einer solchen Betriebsinformation helfen: Ablaufdiagramm Nadelstichverletzungen - Leitfaden zum Vorgehen (pdf - 54 kB)