Notfallmedizin in der Praxis - So klappt die Reanimation

Praxistipp aus Landesrundschreiben Ausgabe 3/2014, Seite 16

Kreislauf-Atemstillstände kommen in Praxen selten vor. Im Leben eines (nicht darauf spezialisierten) Arztes vielleicht fünf-, allenfalls zehnmal. Um für den Ernstfall gerüstet zu sein, braucht es nicht viel: Einen Plan und etwas Übung. Der erfahrene Rettungssanitäter Christian Kepp fasst das Wichtigste zusammen.

Um zu Beginn gleich mit einer Legende aufzuräumen: Die Hands-only-Reanimation, also die Wiederbelebung ohne Beatmung wie sie im englischen Sprachraum als Maßstab bei der Laien-Reanimation propagiert wird, ist in Deutschland nicht angesagt und löst bei erfahrenen Notfallmedizinern und Sanitätern hierzulande nur ein Kopfschütteln aus. Versuchen Sie doch einmal fünf Minuten und länger die Luft anzuhalten. Das dürfte nur den wenigsten schadfrei gelingen. Insofern sollten Ärzte bzw. Psychotherapeuten und das Praxispersonal im Fall der Fälle so weit gerüstet sein, dass sie eine Thoraxkompression samt künstlicher Beatmung ausführen können.

Die erforderlichen Schritte und Maßnahmen, die bei einer Reanimation vorgenommen werden müssen, sind im Grunde simpel. Ein Spezialwissen ist nicht notwendig. Und dennoch löst eine Situation, die eine Wiederbelebung notwendig macht, bei den meisten Beteiligten Angst aus. Kein Wunder, denn von Routine kann man bei einem solchen Ereignis – auch in einer Arztpraxis – nicht sprechen. Genau hier liegt allerdings das Problem. Wer nicht weiß, was zu tun ist, hat Angst. Wer Angst hat, macht Fehler. Immerhin jeder dritte Patient mit Herzstillstand überlebt, wenn die richtigen Maßnahmen innerhalb der ersten drei bis vier Minuten eingeleitet werden. Fehler können eliminiert werden durch regelmäßige Coachings und Übungen sowie durch ein auf die Arztpraxis zugeschnittenen Notfallplan, der klar regelt, wer, was wann und wie erledigt. Eine erste grobe(!) Orientierung, wie in einer Extremsituation bei einem Herzstillstand in einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis zu verfahren ist, liefern die nächsten Zeilen.

Wie erkenne ich einen Herzstillstand?

Die Diagnose ist unkompliziert. Ein Herz-Kreislauf-Stillstand ist gekennzeichnet durch eine sofortige tiefe Bewusstlosigkeit, Atemstillstand und Zyanose. Die fehlende Herztätigkeit kann leicht durch Tasten nach dem Puls festgestellt werden. Weitere Maßnahmen (EKG, Ultraschall) wären kontraproduktiv, denn ab der ersten Diagnose zählt jede Minute, um die Rettungsmaßnahmen einzuleiten.

Was ist bei einem Herzstillstand zu tun?

Viele Menschen fürchten eine solche Situation. Dies dürfte auch für das Personal einer Arztpraxis gelten. Allein deshalb sind konkrete Notfallpläne und Zuständigkeiten so wichtig. Sie bringen in der Stresssituation ein Mindestmaß von Ordnung und Orientierung. Als Praxischef sollten Sie auch Sorge dafür tragen, dass sich bei Ihren Mitarbeitern folgende Erkenntnis festsetzt: Ab jetzt können wir nur noch helfen, aber die Situation nicht mehr verschlimmern.

Die nun folgenden Punkte sollten zugeschnitten auf die Gegebenheiten der Praxis in einen Notfallplan niedergeschrieben sein. Allen Beteiligten muss die Handlungskaskade bekannt sein: Jeder muss wissen, welche Rolle er bei welchem Notfallszenario zu welchem Zeitpunkt zu übernehmen hat. Bei einem Herzstillstand sollte diese beachtet werden:

  • Handeln Sie schnell und setzen Sie sofort einen Notruf (112) ab. Wenn mehrere Praxismitarbeiter in der Nähe sind, sollte eine Person die Aufgabe übernehmen, jemand anderes umgehend mit den Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.
  • In Stresssituationen werden häufig die berühmten fünf „W“-Fragen vergessen. Wie empfehlen beim Absetzen des Notrufes sich auf folgende Punkte zu konzentrieren: Wo ist es passiert? Was sehe ich?
  • Legen Sie den Patienten mit dem Rücken auf den Fußboden. Etwaige Verletzungen des Rückens müssen in Kauf genommen werden. Machen Sie den Oberkörper des Betroffenen frei, knien Sie sich neben ihn und beginnen umgehend mit der Herzdruckmassage.
  • Parallel dazu sollte ein/der Arzt herbeigeholt werden, wenn er noch nicht vor Ort ist. Wenn sich der Zwischenfall beispielsweise in einem Behandlungsraum ereignet hat, kann es Sinn ergeben, einen Kode-Satz in der Praxis zu vereinbaren. „Ihre Tochter Klara will dringend mit Ihnen sprechen“, könnte dem Arzt signalisieren, dass er sofort mitkommen muss. Die versteckte Botschaft verhindert, dass zu viel Unruhe ausgelöst wird oder gar Gaffer angelockt werden. Und die gibt es in Arztpraxen zu Hauf.

Wie reanimiere ich richtig?

Eins vorneweg: In mehr als 60 Prozent der Fälle führt eine Herzdruckmassage zu Verletzungen am Brustkorb, meist sind es aber Knorpelabrisse am Brustbein, die schon beim Lebenden eher unkompliziert sind. Rippenbrüche sind äußerst selten. Es gilt daher: Bloß keine falsche Vorsicht walten lassen. Führen Sie folgende Schritte durch:

  • Der richtige Druckpunkt für die Herzdruckmassage befindet sich (bei einem Erwachsenen) im unteren Drittel des Brustbeins. Setzen Sie einen Handballen auf den Druckpunkt und den Handballen der zweiten Hand oben auf den Handrücken der ersten Hand. Strecken Sie die Arme durch und achten darauf, dass Druck auf dem Brustbein ausgeübt wird. Führen Sie nun 30 Druckmassagen durch, indem Sie kräftig (etwa fünf bis sechs Zentimeter) auf das Brustbein in einer Frequenz von zirka 100 bis 120 Kompressionen pro Minute drücken. Entlasten Sie den Brustkorb nach jedem Druckvorgang komplett. Einen tabellarischen Überblick bietet die nachstehende Infografik. Sie zeigt auch die Unterschiede zwischen einer Reanimation eines Erwachsenen und eines Kindes (ab einem Jahr).
  • Beginnen Sie nach den 30 Kompressionen mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Atemwege des Patienten öffnen sich am besten durch Überstrecken des Kopfes. Die Nase wird geschlossen. Es wird zweimal für zirka eine Sekunde Luft eingeblasen und zwar soviel, dass sich der Brustkorb sichtbar hebt und senkt. Falls vorhanden, kann natürlich ein Beatmungsgerät benutzt werden (Notfallkoffer). Sollte die Beatmung nicht erfolgreich sein, setzen Sie die Massage fort.
  • Nutzen Sie den wichtigsten Vorteil, den Sie in der Praxis haben: das Team. Die Reanimation kann natürlich eine Person vornehmen, besser ist die Aufgabenverteilung auf mehrere Köpfe. Teamwork bei der Herzdruckmassage ergibt Sinn. Wegen der körperlichen Belastung ist es sogar angesagt, sich alle ein bis zwei Minuten abzuwechseln, um nicht zu schnell zu ermüden. Wichtig ist ein „fliegender Wechsel“, damit es keine Unterbrechung gibt.
  • Setzen Sie die Reanimation solange fort, bis der Rettungsdienst eintrifft oder die Atmung des Patienten wieder einsetzt.
Maßnahmen
Erwachsene
Kinder (ab 1 Jahr)
Atemwege
Kopf mäßig reklinieren
Initial-Beatmung
2 Beatmungen
inital 5 Beatmungen, 2 effektive Beatmungen (max. 5 Versuche)
Beatmung ohne Herzdruckmassage
10-12/Min.
12-20/Min.
Beatmung mit Herzdruckmassage
8-10/Min.
Atemwegsverlegung
Abdominal (Heimlich-Manöver, ultima ratio)
Pulskontrolle
Arteria carotis
Arteris carotis, femoralis, brachialis
Druckbereich
2-Fingerbreit oberhalb Sternum-Unterkante
1-Fingerbreit über dem Sternum
Kompressionsmethode
2 Hände
1 Handballen
Kompressionstiefe
5-7 cm
1/3 bis 1/2 Thoraxdurchmesser
Kompressionsrate
100/Min.
100-120/Min.
Herzdruckmassage/ Beatmung
30:2
30:2 (1 Helfer) / 15:2 (2 Helfer)
Defibrillation AED
4 Joule/kg KG Erwachsenenpads
4 Joule/kg KG Kinderpads

Wie setzte ich einen Defibrillator richtig ein?

Der Einsatz eines Defibrillators ist kein Muss, kann aber – in der ersten Minute angewendet – die Überlebens wahrscheinlichkeit auf 95 Prozent erhöhen. Das Risiko, sich selbst oder dem Patienten Schaden zuzufügen, ist bei den Geräten neuester Prägung (Automatische Externe Defibrillatoren, kurz AED) praktisch nicht vorhanden. Diese Modelle geben dem Anwender sprachgesteuert Informationen zur richtigen Handhabung. Außerdem lösen die AED auch nur einen Elektroschock aus, wenn tatsächlich ein Herzkammerflimmern vorliegt. Natürlich gilt sowohl für ältere, als auch die neueren Modelle: Kein Körperkontakt zum Patienten während des Elektroschocks. Ansonsten
sollten die folgenden Punkte beachtet werden:

  • Schalten Sie den Defibrillator (hier ein AED) ein und schließen die Elektrodenkabel an. Die Elektroden sind auf den dafür vorgegebenen Positionen auf den Brustkorb anzubringen (Markierung auf den Elektroden oder am Gerät beachten).
  • Der Defibrillator analysiert anschließend den Herzrhythmus. Liegt ein Herzkammerflimmern vor, lösen Sie durch Knopfdruck einen Elektroschock aus. Folgen Sie den Sprachanweisungen des AED. Sie erhalten Informationen darüber, wann und wie Herzmassage ausgeübt, die Atemluftspende verabreicht und die Elektroschocks ausgelöst werden müssen. Fahren Sie bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes fort.

Sollten Medikamente verabreicht werden?

Da haben sich die Richtlinien mittlerweile eindeutig positioniert. Nein zur Arzneimittelgabe über die Trachea. Aber auch sonst gilt: Die fortlaufende Herzdruckmassage sollte für eine Applikation von Arzneimitteln keinesfalls unterbrochen werden.

Zum Schluss: Buchwissen reicht bei der Reanimation nicht aus. Die oben beschriebenen Techniken bieten einen ersten Überblick. Mehr nicht. Wer schon mal völlig unvorbereitet in eine solche Stresssituation geraten ist, dem ist mit Sicherheit folgender Gedanke gekommen: „Hätte ich bloß vorher ...“ Reanimationstechniken sollten eingeübt sein und hin und wieder aufgefrischt werden. Angebote gibt es genug. Auch direkt auf die Bedürfnisse von Praxisteams zugeschnitten.

Christian Kepp
Rettungssanitäter/Geschäftsführer
Medic-at-Home

 

 

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